3. August 2008

Doku-Zentrum Reichsparteitagsgelände

Category: Allgemein,Gesellschaft — smirne @ 22:11

KongresshalleHeute ging es nach Nürnberg. Ich wollte schon lange einmal das Doku-Zentrum am Reichsparteitagsgelände ansehen. 2001 wurde die Dauerausstellung in der Kongresshalle eröffnet, einem der unvollendeten Bauten, die im Dritten Reich unter der Nazi-Herrschaft in ihrer unglaublichen Gigantomanie geplant wurden. Und da ich mich sehr für die Zeit interessiere und versuche zu erfassen, was unsere Vorfahren in diesen Wahnsinn getrieben hat, habe ich heute mal die Möglichkeit ergriffen.

Die Ausstellung ist sehr schön aufgegliedert in einen Einführungsfilm und anschließend einzelnen Abteilungen, die von den Anfängen der NSDAP in chronologischer Reihenfolge bis zu den Nürnberger Prozessen und der Nutzung des Reichsparteitagsgeländes nach 1945 erzählen. Die Ausstellungen werden unterstützt durch Audioguides, kleine Geräte, die weitere Informationen akustisch abrufbar bereithalten.

Die Ausstellung ist insgesamt sehr interessant, ich kann auch nur jedem empfehlen, sie mal zu besuchen. Aber man sollte nicht meinen, dass man hier schnell durch ist. Ich selbst habe 3 Stunden dort verbracht, aber man kann sicherlich auch noch längere Zeit dort verbringen. Mit verschiedensten Medien – Bilder, Filmaufnahmen, Radiomitschnitte – wird das Dritte Reich mit all seinen Facetten gut aufbereitet erzählt. Vieles davon im Bezug auf Nürnberg und das Reichsparteitagsgeländes, vieles geht auch auf die zahlreichen Verbrechen ein, die niemals in Vergessenheit geraten dürfen.

So bin ich einerseits interessiert, fasziniert, aber auch bedrückt durch die verschiedenen Abteilungen gegangen. Fasziniert, weil mir die Ausstellung – insbesondere ein Film in dem Zeitzeugen interviewt werden gegen Ende des Rundgangs – wie noch keine andere Ausstellung vorher oder irgendeine Dokumentation oder ein Film das Zusammenspiel mit dem Volk so erklären konnte. Wie das Volk fasziniert war vom Mythos des Führers, wie das Volk gedrillt wurde, wie die Faszination entstanden ist.

Gleichzeitig hat mich diese Faszination aber auch bedrückt gemacht – denn ich bin überzeugt, es kann heute jederzeit wieder passieren. :’-(

Bedrückt haben mich natürlich auch die vielen Erzählungen der Schicksale, der Antisemitismus, der wirklich bis ins kleinste Detail betrieben wurde – ja, es gab sogar antisemitische Würfelspiele für die ganze Familie. Aufsätze und Zeichnungen von Grundschulkindern, die den Juden als das Böse in der Welt beschreiben, haben mir sogar Tränen in die Augen steigen lassen. Wie kann man nur solchen Hass schüren?

Persönlich berührt hat mich eine Auflistung, wie in den Konzentrationslagern die verschiedenen Häftlingen gekennzeichnet wurden. Ich glaube, mir ist zum ersten Mal bewusst geworden, dass auch ich von den Nazis verfolgt und im KZ inhaftiert worden wäre – als Mitglied der SPD, als Gewerkschafter und als Schwuler sogar dreifach.

Ich erwähne noch einmal: Ich kann diese Ausstellung nur empfehlen. Das sollte für jeden zum Pflichtprogramm gehören, wenn er/sie denn mal nach Nürnberg kommt. Ach, und nebenbei, nein, eigentlich in der Hauptsache, gehts ja auch ums Reichsparteitagsgelände. Und alleine die wenigen, übrig gebliebenen Bauten am Zeppelinfeld, die große Straße, die Kongresshalle und die Tribüne im Luitpoldhain sind mit ihren gigantischen Ausmassen ein durchaus Erstaunen erzeugendes Zeugnis des Größenwahns der Nazis.

In der nächsten Zeit möchte ich noch das Doku-Zentrum auf dem Obersalzberg besichtigen. Ich hoffe, dass man dort genauso sensibel, aber auch genauso nachvollziehbar und erlebbar, diese besondere und besonders betroffen machende Zeit für die Nachwelt präsentiert. Zur Erinnerung und zur Mahnung.

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