A man walks in front of the Google China headquarters building in Beijing March 15, 2010. Talks with China over censorship have reached an apparent impasse and Google, the world’s largest search engine, is now “99.9 percent” certain to shut its Chinese search engine, the Financial Times said. REUTERS/Jason Lee (CHINA – Tags: BUSINESS SCI TECH)
A man walks in front of the Google China headquarters building in Beijing March 15, 2010. Talks with China over censorship have reached an apparent impasse and Google, the world’s largest search engine, is now “99.9 percent” certain to shut its Chinese search engine, the Financial Times said. REUTERS/Jason Lee (CHINA – Tags: BUSINESS SCI TECH)

“Hilfe! Jeder kann sehen, was ich im Vorgarten gepflanzt und welche Vorhänge ich an den Fenstern habe. Ich will mehr Datenschutz, meine Privatsphäre ist nicht mehr gewährleistet.” So oder so ähnlich ist doch im Moment der Aufschrei wegen Google Street View. Google hat sich erdreistet, Bilder aus dem öffentlichen Raum zu machen – so wie es die Zeitungen in dieser Welt tagtäglich bei Orten von Verbrechen oder Tragödien machen. Und nun soll das ganze veröffentlicht werden in Google Street View.

Ganz Deutschland fühlt sich nun in seiner Privatsphäre verletzt und schreit nach mehr Datenschutz – allen voran die Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU). Ich frage mich zwar, wo Frau Aigner bei den wirklich relevanten Datenschutzeinschränkungen war, die durch die Bundesregierung und allen voran ihrer eigenen Partei initiiert worden sind, aber hier bei Street-View hat eigentlich Frau Aigner den Schnabel zu halten: es geht sie nämlich nichts an, durch die Bilder werden weder die Privatsphäre noch der Datenschutz verletzt. Deswegen ist es auch legal. Es ist doch auch irgendwo eine berufsbedingte Schizophrenie der Politiker hier nach mehr Privatsphäre zu rufen und im nächsten Augenblick mehr Videoüberwachung und Datensammlung der Bürger (Vorratsdatenspeicherung, ELENA, Volkszählung) zu rufen.

Aber nicht nur die Politiker sind schizophren, auch die Verbraucher sind es. Während bei Bilder aus dem öffentlichen Raum nach mehr Datenschutz geschrien wird und man fest entschlossen ist, sein Haus verpixeln zu lassen, schlummern Dutzende von Bonus- und Kundenkarten im Geldbeutel, die auch fleissig eingesetzt werden – ob nun Payback, Deutschland-Card, Miles & More, Top-Bonus, Bahn.bonus oder die einfache EC-Karte. Für ein Großteil dieser Karten hat man – wohlgemerkt freiwillig und ohne nachzudenken – viele persönliche Angaben gemacht: die Anzahl der Personen im Haushalt, das Haushaltsnettoeinkommen, Telefonnummer, E-Mail-Adresse, Alter, persönliche Interessen, Interessen an Produkten. Alles Angaben die nötig sind, um an diese Karten heranzukommen um Punkte zu sammeln. Bonuspunkte, die später eingetauscht werden können gegen ein 36teiliges Besteckset oder mit Zuzahlung für einen größeren Preis. So winkt bei Payback für lediglich 200 Punkte und 1097 EUR Zuzahlung eine Kreuzfahrt. Die nebenbei bemerkt bei Einzelbuchung der Kreuzfahrt in der gleichen Kabinenkategorie mit Vollpension und des Fluges und der ersten Hotelübernachtung vor Ort für unter 1097 EUR zu haben ist, ganz ohne irgendwelche Bonuspunkte.

Diese ganzen Karten haben drei Ziele:
1. die Kundenbindung. Das ist das klassischste Ziel aller Kundenbindungsinstrumente, von Kundenkarte bis hin zu Rabattmarken. Der Kunde soll wiederkommen und nicht zur Konkurrenz gehen. Dabei bedient man sich des einfachen Tricks: der Kunde denkt sich “Hey, ich hab von Markt XY die Kundenkarte also kaufe ich dort auch ein, krieg ja Punkte dafür und später das 12teilige Topfset.” Auch wenn in Markt AB das gleiche Produkt billiger zu haben ist, läuft der Kunde aufgrund des Punktesammelns lieber zu Markt XY.

2. die Umsatzgenerierung. Die Aussicht Punkte zu bekommen sorgt nicht nur dafür, lieber in den teureren Markt zu gehen. Auch an der Kasse, wenn man feststellt es fehlen nur noch 20 Cent um mehr Punkte zu bekommen, wird nochmal schnell zu irgendeinem Krimskrams-Schokoriegel zu 75 Cent gegriffen, den man normal nicht kaufen würde. Schliesslich tun die 75 Cent mehr nicht weh, aber man bekommt ja mehr Punkte dafür. In der Masse an Kunden die durch ein Geschäft so handeln, erhöht sich der Umsatz nicht unerheblich – für Dinge, die man sonst nicht verkauft hätte.

3. die Datensammlung. Und das ist auch der wichtigste Punkt überhaupt. Nicht nur zur Sammlung von Adressdaten, auch das Kaufverhalten wird gesammelt: welche Produkte, welche Produktkategorie, welche Läden. Je öfter man die Karten einsetzt, umso mehr weiß man über den Kunden. Und je besser man den Kunden kennt, umso besser kann man sich auf ihn einstellen: Werbung, die optimal auf den Kunden abgestimmt ist mit Produkten, die ihn interessieren. Man stelle sich mal vor, wieviel billiger doch eine Werbekampagne ist, die ich nur für meine Zielgruppe drucken und versenden muss und nicht mehr pauschal für alle. Einzeln abgestimmte Angebote speziell nur für diesen Kunden zusammengestellt, z.B. Bundle-Verträge. Ich bekomme zum Mobilfunkvertrag eine Spielekonsole dazu geschenkt während der Nachbar als Angebot den Mobilfunkvertrag mit Tankgutscheinen bekommt.

Übrigens, diese Datensammlung funktioniert nicht nur mit Bonus- und Kundenkarten, das funktioniert auch hervorragend mit EC- und Kreditkarten. Schau doch nach der nächsten Kartenzahlung einfach mal auf die Rückseite des Bestätigungsabschnitts. Da steht drauf, welchen Kartenzahlungs-Dienstleister der Laden einsetzt. Diesen Dienstleister wirst Du häufiger finden, obwohl Du bei verschiedenen Läden einkaufst. Wer denkt, dass die Daten nicht gespeichert bleiben und nicht ausgewertet werden von diesem Dienstleister glaubt auch, dass ein Zitronenfalter Zitronen faltet.

In die gleiche Kategorie fällt auch die Angst, dass sich über das Mobilfunktelefon Bewegungsprofile erstellen lassen. Einmal mit den Zahlungsdaten zusammengefasst – wo und wann wurde gekauft/bezahlt – lassen sich diese Bewegungsprofile genauso gut erstellen und noch weiter verfeinern. Im öffentlichen Nahverkehr werden deutschlandweit die Zeitkarten, die mit RFID-Chips ausgestattet sind, immer mehr. Beim Einsteigen in den Bus wird die Karte ausgelesen, ob sie denn gültig ist. Der Schritt, an Türen von Bussen und Bahnen leistungsstarke Empfänger einzubauen, die jede Karte beim Einsteigen und beim Verlassen des Fahrzeugs auslesen, ist nicht mehr weit. Die Deutsche Bahn speichert schon seit Jahren über ihre bahn.bonus-Punkte das Fahrtverhalten ihrer Kunden. Und die Sammlung von Flugmeilen ist so selbstverständlich geworden wie der morgendliche Kaffee nach dem Aufstehen.

Noch existieren wir in vielen Datenbanken, die untereinander nichts zu tun haben. Die aktuellen Datenschutzgesetze verbieten auch den Austausch oder die Weitergabe, sofern man nicht ausdrücklich zustimmt. Wohlgemerkt: die aktuellen Datenschutzgesetze. Wer garantiert, dass sie in 10 oder 15 Jahren noch in genauso scharfer Formulierung existieren. Gerade unser Staat, die Bundesrepublik Deutschland, hat in den letzten Jahren gezeigt, dass sie mehr von uns wissen möchte. Als Beispiel seien hier die Vorratsdatenspeicherung, also die Speicherung der Verkehrsdaten von Internet-, Telefon- und SMS-Daten. Oder ELENA, die elektronische Übermittlung aller Daten die für den Arbeitgeber zur Entgeltabrechnung wichtig sind, inklusive der Fehltage eines Arbeitnehmers.

Der Datendurst wird höher. Vom Staat wie auch von den Unternehmen. Es ist nur eine Frage der Zeit bis die Forderungen laut werden, alle diese Daten zusammen auszuwerten. Z.B. durch die SCHUFA um die Kreditwürdigkeit auf einer ganz anderen Basis zu ermitteln, als es heute der Fall ist. Ich möchte hiermit keine Angst schüren. Ich möchte lediglich dazu anregen, sich mehr und vor allem die richtigen Gedanken über den Datenschutz und den eigenen Umgang mit seinen Daten zu machen. Und nicht einfach den populistischen Medien nachzusprechen: Google ist böse.

Zum Abschluß noch der Komiker Günther Grünwald über Payback:


Günther Grünwald bei Neues aus der Anstalt – MyVideo