Depression – Ein langer Weg ohne Hilfe

Es ist jetzt genau ein Jahr her, als ich im Büro meines damaligen Chefs erfahren habe: “Du bist ab sofort bis zum Arbeitsplatzwechsel von der Arbeit freigestellt.” Obwohl ich den Wechsel angestoßen habe und schon lange darauf wartete, war es für mich ein Schock – es war so plötzlich und unerwartet. Aber vielleicht beginne ich erst einmal am Anfang.

Ich weiß nicht genau, wann meine Erkrankung an einer Depression begonnen hat, vermutlich trage ich sie schon seit etlichen Jahren mit mir herum. Auch über die genauen Ursachen kann ich bisher nur spekulieren. Nur eines weiß ich: es gibt nicht die Ursache, vielmehr ist ein ganzes Puzzle an Ursachen. Überlastung, Langeweile, Rückschläge, mangelnde Sozialkontakte, fehlendes Selbstbewusstsein, gesellschaftlicher Druck – all das und sicher noch mehr, sind Teile des Ursachenpuzzles, die bei mir vorhanden waren. Wobei mangelnde Sozialkontakte und fehlendes Selbstbewusstsein eher als Sekundärursachen einzustufen sind, die durch die beginnende Depression erst entstanden sind.

Erholsamen, durchgehenden Schlaf ohne mehrfach in der Nacht aufzuwachen kannte ich schon über Jahre nicht mehr. Morgens aufzustehen und sich gerädert, aber nicht erholt zu führen, war für mich normal. Auch schon lange begleitet hat mich der Rückzug aus der Gesellschaft, von Freunden. Einladungen habe ich oft erst angenommen und kurzfristig wieder abgesagt. Es ist paradox, aber ich hab mich erst wahnsinnig darauf gefreut mich mit meinen Freunden zu treffen, aber das auch wirklich zu tun, hat innerliche Panik ausgelöst, weshalb ich den Abend lieber zuhause verbrachte und mich im Nachhinein darüber ärgerte. Die Fragen “Weshalb hast Du abgesagt? Es sind Deine Freunde, was soll da schon sein?” haben mich dann tagelang beschäftigt, ohne dass ich jemals eine wirkliche Antwort gefunden habe.

Ausflüge, die ich unternehmen wollte, habe ich trotz detaillierter Planung im letzten Moment dann doch nicht unternommen. Wanderungen, Fotowalks, Ausstellungen ansehen oder einfach nur die Sonne auf die Nase scheinen lassen – alles habe ich am betreffenden Morgen für mich gecancelled. Ich hatte einfach keine Lust. Keine Lust auf gar nichts. Rapide schlimmer wurde es ab Februar 2015. Die Lustlosigkeit hat so überhand genommen, dass ich nicht einmal mehr das Bett verlassen habe. Ein Wochenende von Freitag Nachmittag bis Montag Morgen im Bett zu verbringen, nichts zu tun, rein gar nichts, außer an die Decke zu starren – für Gesunde, die eine Depression nicht kennen, unvorstellbar. Aber für mich wurde es zur Normalität. Das Einzige, was mich tatsächlich noch erfüllt hat im Leben, war, meiner Arbeit nachzugehen.

Aber auch das wurde von Februar an deutlich schwieriger. Die Krankheit schlug sich auf den Magen, das Immunsystem am Ende. Mein Körper stürzte sich auf jedes einzelne Bakterium, auf jedes einzelne Virus, das nur in der Nähe durch die Luft flog. Mit der Folge, dass ich auch meiner Arbeit oft nicht mehr nachgehen konnte und sich meine Krankheitstage deutlich erhöhten. Kaum eine Woche, in der ich nicht mindestens einen Tag fehlte. Der Druck, den ich hierdurch logischerweise bekam, hat die Depression weiter befeuert. In der Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr, aber es abzuwaschen, dazu fehlte mir der Antrieb. Also wurden die Lieferdienste rundum beauftragt, nur ja nicht abwaschen.

Irgendwann machte es bei mir Klick und ich erkannte, dass ich in einer absolut nicht normalen Situation bin. Also begann ich zu googeln, nach der absoluten Lust- und Antriebslosigkeit. Nach der Schlaflosigkeit, dem schwachen Immunsystem. Und ich kam immer auf das gleiche Ergebnis: Depression. Aber, Depression, ich? Wovon denn, mir geht es doch gut? Psychisch, okay, ich hatte eine schwere Zeit durchgemacht, aber gleich so dramatisch erkranken? Nein, es musste etwas anderes sein.

Die Depression ist eine psychische Störung. Ihre Zeichen sind negative Stimmungen und Gedanken sowie Verlust von Freude, Lustempfinden, Interesse, Antrieb, Selbstwertgefühl, Leistungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen. Diese Symptome treten auch bei gesunden Menschen zeitweise auf. Bei Depressionen sind sie jedoch länger vorhanden, schwerwiegender ausgeprägt und senken deutlich die Lebensqualität.

Quelle: Wikipedia

Dennoch habe ich begonnen, mich um einen Psychotherapeuten zu kümmern. Aber wo ich auch angerufen hatte, überall war es das selbe Spiel: “Wir sind das nächste halbe Jahr ausgebucht und haben keine Termine frei.” Manche Praxen setzten mich auf eine Warteliste und wollten sich bei freiwerdenden Terminen melden. Ich habe bis heute keinen Rückruf erhalten. Inzwischen war die Depression bereits soweit fortgeschritten, dass ich tatsächlich an Suizid dachte. Eines Tages wurde der Druck in der Arbeit für mich sogar so hoch, dass ich eine klare Vorstellung über die Durchführung hatte. Es ist meiner Teamleiterin von damals zu verdanken, die das offensichtlich gespürt hatte, dass es nicht zum Suizidversuch gekommen ist. Heute bin ich ihr unendlich dankbar dafür.

Im April habe ich dann einen Termin bei der Sozialberatungsstelle meines Arbeitgebers angenommen. Dort wurde mir dann vorsichtig bestätigt, dass es sich wohl um eine Depression handeln könnte. Zugleich wurden mir Telefonnummern von psychologischen Ambulanzen mitgegeben. Damit begann eine Odyssee, bei der ich mich bis heute wundere, wie ich das überhaupt bewältigen konnte.

Den Anfang machte ich beim Klinikum Innenstadt der LMU. Nach 10 Minuten in der Warteschleife, legte ich auf. Es dauerte Tage, bis ich mich aufraffen konnte, den nächsten Anruf zu probieren. Wieder dort angerufen, wurde ich gebeten, in einer Viertelstunde wieder anzurufen, weil man gerade nicht am Platz mit dem Terminbuch ist. Nach der Viertelstunde hatte ich wieder mit der Warteschleife das Vergnügen. Hätte ich nicht aufgelegt, würde ich vermutlich noch heute die Wartemelodie hören.

Wieder mehrere Tage später war ich bereit, es bei der nächsten Stelle zu probieren – das Isar-Amper-Klinikum Ost in Haar. Am Telefon erklärte man mir, dass es verschiedene Ambulanzen gibt und sich die Zuständigkeit nach dem Wohnort richtet. Anhand meiner Postleitzahl gab man mir die Telefonnummer des Atrium-Hauses in München. Dort habe ich dann die unverschämteste und unpassendste Antwort am Telefon bekommen: “Wie kommen Sie drauf, Sie könnten hier einfach anrufen und nach einem Termin fragen? So geht das nicht. Rufen Sie am Krisentelefon an, wenn Sie wirklich Hilfe brauchen, vermitteln die Sie schon zu uns.” Ich möchte an dieser Stelle noch einmal daran erinnern, dass ich diese Antwort als Hilfesuchender mit Suizidgefährdung bekommen habe. Hätten nicht mich meine Freunde und Kollegen, denen ich mich bereits Wochen vorher geöffnet habe, wieder soweit aufgefangen gehabt, dass ich einigermaßen stabil war….ich möchte das nicht weiter ausführen.

Das Krisentelefon sagte mir nichts Neues: Verdacht auf mittelschwere Depression. Man legte mir nahe, die Münchner Insel zu besuchen, eine Krisen- und Lebensberatung, bei denen man auch ohne Termin hin kann. Um evtl. Wartezeiten zu umgehen, habe ich dort dennoch einen Termin ausgemacht und – wie soll es anders sein – auch nicht wirklich etwas Neues erfahren. Der Verdacht auf Depression steht ja nun schon seit Wochen im Raum. Nachdem ich dort aber auch meinen bisherigen Weg beschrieben hatte, gab man mir dort einen Prospekt einer anderen Ambulanz mit. Die psychotherapeutische Ambulanz der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie. Also machte ich dort einen Termin aus.

Auch dort wurde das Kind “Depression” nur mit einem Verdacht geäußert. So wirklich festlegen wollte sich bisher niemand. Die Ambulanz der Akademie ermittelte den Bedarf einer Verhaltenstherapie und gab mir drei Telefonnummern von Therapeuten mit, die freie Kapazitäten gemeldet hatten. Von diesen freien Kapazitäten habe ich jedoch nichts gemerkt. Bei allen drei Therapeuten, deren Nummern ich bekommen habe, waren diese zwischenzeitlich vergeben. Das Angebot der Akademie, wenn es nicht klappt noch einmal anzurufen und sich weitere Nummern geben zu lassen, habe ich nicht angenommen, dazu fehlte mir die Kraft. Also alles wieder auf Anfang.

Zwischenzeitlich ist es Ende Mai und ich habe meinen nächsten Termin bei der Sozialberatung. Dort ist man fassungslos über meinen bisher komplett erfolglosen Weg. Aber der Hinweis des Klinikums in Haar, dass sich die Zuständigkeit über den Wohnort definiert, sorgt für eine Idee. Mein Berater suchte kurz im Internet und fand eine Außenstelle mit Ambulanz in Fürstenfeldbruck, meiner Nachbarstadt. Noch vor Ort haben wir dort angerufen und ich habe tatsächlich einen Termin bekommen. Zwar erst vier Wochen später, aber zumindest ein erster Lichtblick – ein Termin bei Spezialisten. An dieser Stelle möchte ich aber nicht unerwähnt lassen, dass mein Anruf in Haar viele Wochen vorher, mir über meine Postleitzahl das Atrium-Haus als zuständig mitgeteilt hat, das aber eine Fehlinformation war. Man hätte mir dort gleich Fürstenfeldbruck mitteilen müssen und hätte wohl meinen Weg um etliche Wochen erleichtert. Aber das nur am Rande.

Ende Juni in Fürstenfeldbruck dann aus dem “Verdacht” endlich eine Diagnose: mittelschwere Depression. Sofort wurden mir Tabletten verschrieben* und ich wurde für die psychiatrische Tagesklinik angemeldet. Nach mittlerweile rund fünf Monaten ein erster Erfolg, auch wenn ich erst einmal wieder auf einer Warteliste stand. Doch vier Wochen später kam der ersehnte Anruf: es ist ein Therapieplatz in der Tagesklinik frei, ich werde am Dienstag früh erwartet. Der Anruf kam genau vor einem Jahr, am Nachmittag. Da hatte ich bereits daran zu kauen, dass ich von der Arbeit nach Hause geschickt wurde. Aber es war gut so. Denn zwischenzeitlich, etliche Wochen vorher, habe ich meinen Versetzungswunsch geäußert, wegen der Depression. Um eine Tätigkeit auszüben, die eine geringere psychische Resilienz erfordert. Ich hatte nur nicht mehr daran geglaubt.

Ein gutes halbes Jahr habe ich gekämpft, bis ich endlich Hilfe bekam. Ein langer Weg, der viel Kraft gekostet hat. Kraft, die andere in ähnlichen Situationen nicht mehr haben und trotz Hilferufe den Weg des Suizids gehen. Hier kann man mit Recht behaupten: die Gesundheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland hat Menschenleben auf dem Gewissen.

Mir geht es heute wieder deutlich besser. Ich kann wieder durchschlafen, habe neue Freundschaften aufgebaut, fühle mich nicht mehr von einfachsten Dingen überfordert. Geheilt bin ich nicht, die Depression wird mich noch lange begleiten. Und der Kampf dagegen dauert ein Leben lang.

*Tabletten haben natürlich Nebenwirkungen. Die Nebenwirkungen, die man aus dem Beipackzettel liest, erschrecken einen auf den ersten Blick und machen einem Angst. Dennoch sollte man sich auf die Tabletten einlassen, sie helfen einem wirklich und sollte sich auch die Zeit nehmen, damit sie wirklich wirken können. Über die Wirkung der Tabletten möchte ein Freund von mir in den nächsten Wochen noch einen Beitrag verfassen. Ich werde Euch darüber informieren.

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